Von der Wichtigkeit zu fühlen

In meinem letzten Artikel ging es darum, warum es so wichtig ist, verletzlich zu sein. Die meisten von uns fühlen sich verletzlich, wenn sie ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. Sei es Freude, Verliebtheit oder auch Trauer: zeigen wir eine Reaktion, geben wir unser Inneres Preis. In einer Welt, die so rational gesteuert ist, wird man schnell wie ein Außerirdischer behandelt. Ich selbst bin ziemlich emotional. Wenn ich liebe, dann wirklich intensiv und bedingungslos, wenn ich traurig bin, kommen mir die Tränen und Enttäuschung fühlt sich an, als würde mir das Herz brechen. Lange Zeit habe ich solche Gefühle unterdrückt. Es ist ein weit verbreiteter Trugschluss zu glauben, dass man selektiv fühlen kann: „Ich will nur positives fühlen!“ und auch in der Yogaszene wird einem oft suggeriert, negative Gefühle einfach wegzumeditieren. Im heutigen Artikel liest du meine Gedanken dazu, warum es aber so wichtig ist, Gefühle zu spüren und auch zu zeigen, und wie es dir gelingt, sie klar zu kommunizieren.

Gefühle als Weg nach Innen

Hast du mal versucht, dir über deinen Verstand klar zu werden, was momentan in dir los ist? Ich kenne dieses Gedanken-Karussell, diesen Mind-Fuck, der sich um eine Sache dreht und wie eine Abwärtsspirale funktioniert: die Gedanken beißen sich an etwas fest und versuchen irgendwie, ein Problem zu lösen. Aber kommst du damit der Sache wirklich näher? Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich eher entfernen. Denn der Auslöser für diesen Mind-Fuck war ein Gefühl zu einem Gedanken. Und Gefühle sind nur schwer rational zu erfassen. Um uns selbst also in unser Inneres zu folgen brauchen wir unsere Gefühle. Sie sind wie ein Tor, eine Brücke zwischen uns und der Außenwelt. Gefühle sind oft mit einem Eindruck, einem Geruch, einer Berührung oder mit Worten verknüpft. Etwas hat sie ausgelöst und dieses etwas oder jemand gelangt dadurch in den Bereich, der für uns verletzlich ist und den viele Menschen versuchen zu beschützen. Lassen wir aber zu, dass unser Körper, Geist und unsere Seele die Emotion spürt, bauen wir eine Verbindung auf, die uns hilft, uns zu orientieren.

Dem Bauchgefühl nach

So rational wir auch sind: der erste Eindruck ist meist ausschlaggebend für unser späteres Handeln. Es ist ein Bauchgefühl, das sich bemerkbar macht, wenn wir uns mit einer Sache beschäftigen. Fühlt es sich gut an, gehen wir tiefer und lassen uns darauf ein. Wenn aber etwas im Argen ist, halten wir Abstand und bleiben skeptisch. Das ist das Prinzip von Law of Attraction. Simpel, oder? Wir fühlen uns angezogen, von dem, was sich gut anfühlt und andersherum. Gefühle sind also ein Bewertungssystem. Und um etwas bewerten zu können, brauchen wir eine Auswahlmöglichkeit. Das bedeutet, dass wir im Laufe unseres Lebens an Erfahrung gewinnen und diese Erfahrung eng damit verbunden ist, wie wir uns künftig mit etwas fühlen. Dabei geht es gar nicht mal nur um große Ereignisse, sondern um unser alltägliches Erleben: jeder Eindruck verfeinert unsere eigenen Antennen. Sofern wir gewillt sind, sie auch zu benutzen. Dabei sind auch nicht nur bewusste Erlebnisse entscheidend: unser Unterbewusstsein speichert jede Sekunde so viele Eindrücke, Gefühle, Reaktionen, die Körpersprache von anderen, verbindet es mit Erinnerungen, verknüpft, baut und bastelt, ohne dass wir es mitbekommen. Unser Verstand ist nicht in der Lage, diese Informationsflut auszuwerten. Viel besser ist dazu unser Bauchgefühl, unsere Intuition geeignet. Wenn gehen aus dem Kopf in den Bauch, wo das Hara Zentrum, das Kraftzentrum liegt und lauschen, was unsere Gefühle uns widerspiegeln.

Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß.

Körper und Seele: wie sich Gefühle auf den Körper auswirken

Der Portugiesische Neurowissenschaftler António Damásio belegte, was schon traditionelles Wissen unterschiedlicher Kulturen immer wieder als Basis ihrer Philosophien und der Medizin nutzen: Emotionen haben eine direkte Auswirkung auf unseren Körper und auch unser Körper wirkt sich auf unsere Emotionen aus. Sogenannte „somatische Marker“ verbinden Gedanken, Gefühle und Körper miteinander und beschreiben das Phänomen, dass zu unterschiedlichen Gefühlen entsprechende Muskeln reagieren, wir ins Schwitzen geraten, uns die Haare zu Berge stehen oder wir das dingendes Bedürfnis verspüren, mal schnell wohin zu entschwinden. Sprich: wir machen uns vor Angst in die Hose. Kleiner Exkurs: ungefähr alle Schauspieler*Innen die ich kenne, leiden unter einer nervösen Blase, bevor die Vorstellung beginnt. Oder eben unter einem nervösen Darm. Weitere Erläuterungen erspare ich dir hier.

Diese somatischen Marker stellen unsere Körpersprache dar und sind unter anderem dafür verantwortlich, dass wir Menschen uns untereinander auch ohne Worte verstehen. Was passiert aber, wenn wir diese Gefühle unterdrücken? Unser Körper reagiert dennoch, doch in einer unterdrückten Version. Das ist damit gemeint, wenn man sagt, dass man sich selbst krank macht. Es schlägt einem auf den Magen, wir verdauen buchstäblich ein Ereignis nicht, wir fühlen uns nicht geerdet – unzählige sogenannte psychosomatische Erkrankungen, also Leiden, die aus der Psyche und den Emotionen heraus entstanden sind, werden oftmals noch schulmedizinisch behandelt. Dabei liegt der Ursprung auf einer anderen Ebene. Und manchmal hilft es einfach, zu weinen, Wut rauszulassen, die Gefühle aufzuschreiben oder mit jemandem zu reden. Denn je mehr wir versuchen, Gefühle zu unterdrücken, umso stärker werden sie. Sie wollen Raum bekommen. Zu Recht. Schließlich sind Gefühle die einzige Möglichkeit, das Leben an sich zu erfahren. Nur durch sie spüre wir, was um uns herum geschieht. Wir nehmen nicht nur stumpf Informationen auf, sondern erleben, erfahren und werden Teil davon.

Über Gefühle sprechen

Vielen Menschen fällt es sehr schwer, über die eigenen Gefühle zu sprechen. Das liegt zum einen daran, dass wir in unserer Kindheit und auch später oft solche Sätze gehört haben:

„Sei nicht traurig.“

„Sei nicht so wütend.“

„Wein doch nicht.“

„Lach doch mal wieder.“

Und wenn wir als Kinder ausgelassen und euphorisch waren, dann kam… na? „Sei nicht so wild.“, „Sei nicht so laut.“.. auf jeden Fall: sei nicht…! Sei nicht deine Emotion, sondern sei das, was besser in die Welt der Erwachsenen passt. Und dann lernen wir fleißig, nicht unsere Gefühle zu zeigen und schließlich auch nicht mehr darüber zu sprechen. Als Kind hatten wir einen direkten Zugang zu unseren Gefühlen. Wir waren unsere wilde Natur. Ganz egal, ob wir schüchtern oder extrovertiert waren: unsere Gefühle waren authentisch und wir haben sie zu 100% gelebt. Um überhaupt wieder darüber sprechen zu können, was wir fühlen, müssen wir in Kontakt mit unseren Gefühlen kommen. Ich weiß, das ist gruselig. Wer kann schon ahnen, was sich da so verbirgt. Aber um erstmal wieder zu fühlen, müssen wir ab und zu innehalten und das Gefühl, das sich da ankündigt, einladen. Zu 100%, wie ein Kind. Hör auf, es manipulieren zu wollen oder zu verdenken. Gedachte Emotionen sind nochmal etwas anderes. Aber wahre, pure Emotionen sind ein Geschenk, ganz egal, ob wir sie als positiv oder negativ empfinden. Hier ein paar Beispiele für echte Gefühle aus der gewaltfreien Kommunikation nach Rosenberg. Ich darf so viel verraten: als ich das erste Mal diese Liste gelesen habe, eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Das kann ich alles fühlen? Nimm dir einen Stift und einen Zettel dazu und schreibe die Gefühle, die dich intuitiv ansprechen, auf. Denke nicht nach „fühle ich mich so oder so?“, sondern schreibe einfach auf, wo du hängen bleibst. Egal, wie viele Gefühle es sind.

aufgeschlossen, aufgeweckt, ausgeruht, befreit, bereichert, berührt, bewegt, besänftigt, einbezogen, elektrisiert, erfüllt, entlastet, ergriffen, entschlossen, friedlich, gefasst, gebannt, gelöst, geschützt, gesammelt, hellwach, hingegeben, hoffnungsvoll, inspiriert, hingerissen, kraftvoll, klar, lebendig, liebevoll, locker, motiviert, mutig, neugierig, optimistisch, sanft, schwungvoll, selig, selbstsicher, staunend, stimuliert, unbeschwert, teilnahmsvoll, verliebt, wohlwollend, wohlig, zentriert, zutraulich, zuversichtlich. 

abgeneigt, abgeschlagen, abgespannt, angewidert, apathisch, alarmiert, argwöhnisch, aufgeregt, beklommen, bestürzt, beschämt, beleidigt, blockiert, bitter, betrübt, einsam, empört, energielos, enttäuscht, entmutigt, ernüchtert, erschöpft, erregt, fassungslos, faul, finster, frustriert, gehemmt, gekränkt, gerädert, gereizt, gestresst, hilflos, irritiert, kalt, leblos, melancholisch, misstrauisch, mittellos, mürrisch, panisch, passiv, pessimistisch, rachsüchtig, ruhelos, schlapp, schmerzhaft, schwach, traurig, unsicher, überlastet.

Wahnsinn, oder? Das können wir alles fühlen! Und je mehr wir unsere Gefühle benennen können, umso besser können wir sie in der Außenwelt kommunizieren. Wir werden klar darüber, was uns gut tut oder nicht, was wirklich real ist oder nicht. Denn allzu oft passiert es, dass wir von dem Mind-Fuck gepackt werden. Indem wir den Gefühlen, die diese Gedanken auslösen, Namen geben, umso leichter fällt uns der Realitätscheck. Und können dann auch Gefühle loslassen, ohne sie zu unterdrücken.

Nichts anderes ist unsere Intuition: der direkte Bote unserer Seele

Warum es wichtig ist, unsere Gefühle zuzulassen, nochmal zusammengefasst:

  • Gefühle sind unser Bewertungssystem, wie wir die Welt wahrnehmen
  • Gefühle sind die einzige Möglichkeit, das Leben zu erfahren
  • sie dienen als Brücke zwischen uns und den anderen
  • somatische Marker lösen körperliche Reaktionen aus und andersherum
  • unterdrückt man Gefühle, können wir uns selber krank machen
  • Gefühle helfen uns, mit uns und anderen zu kommunizieren
  • sie sind der direkte Weg zu unserer wilden Natur

 

Also trau dich, deine Gefühle wahrzunehmen!

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