Yoga gegen Panikattacken

Yoga gegen Panikattacken

Es ist ein sonniger Morgen. Alles scheint entspannt. Und aus der Tiefe meiner Eingeweide beginnt es langsam zu klingeln. Mittlerweile ist es anfangs eine Art leises Signal, das unter Umständen zu einer ausgewachsenen Panikattacke werden kann. Seit über 20 Jahren wallen diese Gefühle der Angst, Beklemmung, des Kontrollverlustes und der Befürchtung, nun völlig üü zu sein, hoch. Mit 12 das erste Mal. Damals dachte ich, ich müsste sterben. Heute denke ich es noch immer, weiß es aber besser. Yoga hat mir geholfen, aus meiner Angststörung herauszufinden und Panikattacken zu minimieren und auch durchzustehen.Yoga und Panikattacken

Help, I need somebody! – Panikattacken verstehen

Laut Andreas Stöhle, Psychiater und Leiter der Arbeitsgruppe für Angststörungen der Charité in Berlin, erlebt jeder fünfte Mensch in Deutschland eine Panikattacke. Bei etwa vier Prozent entwickelt sich eine Angststörung. Aber was ist das eigentlich, diese Panikattacke?
Rein wissenschaftlich ist sie ein Fluchtreflex, der uns, als wir noch in den Wald gekackt und dabei eventuell von einem wilden Tier hätten gefressen werden können, geholfen hat, zu überleben. Der Körper wird kampf- und fluchtbereit gemacht (fight or flight), indem der Herzschlag beschleunigt und die Muskeln mit Adrenalin versorgt werden. Die Atmung wird schneller und flacher. Bei einer Panikattacke können dabei noch Übelkeit, Schwindel, Enge in der Brust und weitere Symptome auftreten. Falls du unter Panikattacken leidest, kann es also sein, dass du dabei völlig individuelle Symptome bei dir bemerkst.
Nun ist dieser Fluchtreflex aber in Situationen, die völlig harmlos sind, prinzipiell überflüssig und man hat das Gefühl, sie kommen aus dem Nichts oder aber man kennt genau die Situationen, in denen sie gehäuft auftreten. Frage dich aber zunächst: ist es wirklich die Situation, die die Panik auslöst oder hast du Angst, dass du in dieser Situation eine Attacke bekommst? Gefühle wie Scham verschlimmern meist nur die Situation. Meine letzte Panikattacke hatte ich an einem Bahnhof. Nachdem ich erst versucht hatte, völlig normal zu wirken, merkte ich, dass das alles nur schlimmer macht. Also habe ich mich auf den Boden gesetzt, an einer Stelle, die aus irgendeinem Grund „richtig“ erschien und die Augen geschlossen. Wenn du weißt, was dir während einer akuten Panikattacke gut tut, tue es. Du brauchst dich für nichts zu schämen.

Wenn sich die Seele entlädt

Oftmals ist eine Panikattacke eine Möglichkeit, inneren Druck zu entladen. Das kann ganz akute Ursachen haben (Menschenmassen, akute Überforderung, übersteigerte Angst vor einer akuten Situation) oder aber eine spontane Reaktion auf ein vergangenes Ereignis sein. Wie bei einem Burn-Out ist die Seele überlastet, wir sind es aber gewohnt, dennoch weiter zu machen. Kleine Anzeichen wie Unruhe oder Schlaflosigkeit werden missachtet und schließlich kommt es zu einer Art körperlichen Reaktion auf die seelisch-psychische Überbelastung. Meistens dauert der Zustand einer Panikattacke nur wenige Minuten bis zu einer halben Stunde. Unter Umständen kann aber das Gefühl der Angst noch länger dauern. Ähnlich wie bei einem Erdbeben gibt es erst die große Erschütterung, kleinere Nachbeben und dann das Erholen von diesem Beben. Da die körperlichen Reaktionen zuweilen sehr anstrengend sein können, braucht es ein wenig, um wieder klar zu werden. Denn auch, oder vor allem der Geist spielt bei einer solchen Attacke verrückt: wenn sich der Herzschlag beschleunigt kommen Gedanken wie „Oh nein, jetzt geht eine Panik los…“ oder „Hab ich einen Herzinfarkt?“, auf. Dadurch steigert sich die Unruhe und eine Spirale beginnt, bei der sich körperliche und psychisch-seelische Reaktionen gegenseitig bedingen. Als ich das allererste Mal eine Panikattacke hatte dachte ich vor allem „Ich will, dass es aufhört! Wird es jemals aufhören? Bin ich jetzt verrückt? Was ist das?!“. Das Gefühl, komplett die Kontrolle über den Körper und Verstand zu verlieren, ist beängstigend und zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte danach natürlich Angst, in die Schule zu gehen. Was wäre, wenn ich dort eine Panikattacke kriegen würde? Long story short: ich verbrachte etwa 6 Jahre der Schule damit, keine Panik zu schieben und den Unterricht durchzustehen. „Noch 45 Minuten…noch 30…noch 20….noch 10…“ usw. Und das jede Stunde. Ich machte mein Abi und dachte, dass ich dann endlich entspannen könnte. Das war natürlich nicht so. Stattdessen zog ich mich zurück und mied Menschen. Erst als ich 2012 mit Yoga anfing begriff ich langsam, was sich da abspielte.

Werde Beobachter

Ja, ich habe noch Panikattacken und ja, die sind dann trotzdem noch out of control. Je nach Intensität der Attacke und je nachdem, wo ich mich befinde, stehe ich sie entweder durch, sitze sie ab oder überbrücke mit einer Tablette pflanzlicher oder verschreibungspflichtiger Natur. Doch eines hat sich drastisch verändert: ich kann die Panik nun beobachten. Durch Yoga verstand ich, dass ich nicht Panik bin sondern habe. Und ich kann die Situation mit Abstand betrachten, von außen drauf schauen und ruhig handeln. Anstatt panisch auf die Panik zu reagieren, überlege ich: was würde mich gut tun? Was kann ich jetzt gerade tun? Reicht atmen? Spüre ich den Boden unter meinen Füßen? Kann ich noch klar denken? Kann ich mich entziehen? Wie lange dauert die Situation noch? Wem kann ich bescheid sagen? Brauche ich Nähe? Es ist ein taktisches Vorgehen, das einem die Selbstbestimmtheit trotz Kontrollverlust wiedergibt. Und dann, wenn die Situation überstanden ist und ich mich wieder in Sicherheit fühle, frage ich mich: what the fuck? Woher kam das? Denn Panikattacken sind Signale, das etwas nicht stimmt. Das kann etwas sehr Oberflächliches sein, dass einen triggert, weil man früher unter Panikattacken litt und der Körper lediglich daran erinnert wird, wie er damals reagiert hat, oder aber etwas, das sich momentan ganz und gar nicht richtig anfühlt. Trau dich also, nachzuforschen. Wie Ana. T. Forrest Sagt:

„Never waste a good trigger!“

Triggerpunkte

Auslöser, sogenannte Triggerpunkte, können sehr unterschiedlich sein. Gefühle, Gedanken, Situationen, Gerüche… daher ist es sehr wichtig, dass du für dich auf die Suche gehst. Yoga kann dir dabei helfen, auf dieser Suche ruhig und klar zu bleiben und immer wieder zentriert zu werden. Dein „wahres Selbst“ ist frei von Panik, mit ihm kannst du dich erforschen, ohne Angst haben zu müssen, hinter der nächsten Ecke etwas zu sehen, was dieses Selbst erschüttert. Dieses „wahre Selbst“ würde ich deine tiefe, wilde Natur nennen. Sie ist frei von Sorge, Angst oder gar Panik. Sie ist das, was dich in dir festhält, worauf du vertrauen kannst. Während der Geist schnattert und dich in die schlimmsten Horrorszenarien reinquatscht, ist es deine ruhige, tiefe Natur, die sich das Schauspiel ansieht und dann fragt: was war das? Was stimmt hier nicht?

Yoga gegen Panikattacken

Es kommt nichtmal so sehr darauf an, welchen Yogastil du praktizierst: Yoga gegen Panik ist ein wunderbares Mittel. Du lernst wieder tief zu atmen, so dass dein Körper im Allgemeinen entspannter wird und die flache Atmung wieder verlernt. Yoga hilft dir, wieder Vertrauen zu dir selbst aufzubauen und in Kontakt mit deinen Körper zu kommen. Denn während einer Panikattacke kommt schnell das Gefühl auf „Was macht mein Körper da mit mir?“. Nach nur kurzer Zeit mit Yoga wirst du feststellen, dass du verbundener mit deinem Körper bist, als du denkst, und dass er das tiefe Bedürfnis hat, mit dir und nicht gegen dich zu arbeiten. Dein Körper möchte, dass es dir gut geht. Geh nicht so hart mit ihm ins Gericht, wenn er während einer Panik nicht so recht weiß, was er da tut. Eine fließende Praxis hat mir geholfen, durch eine Panik zu fließen. Es fühlt sich dann mehr an, als würde man surfen. Und jede Welle ist einmal vorbei. Danach kannst du durchatmen. Kämpfe nicht gegen diese Welle an, sondern werde weich und lass sie fließen. Du erschöpfst dich nur, wenn du versuchst, gegen diesen Strom zu schwimmen.

Das Gefühl von Enge ist außerdem ein Punkt, an dem Yoga gegen Panikattacken ansetzen kann. Eine regelmäßige Praxis hilft dir, die Ursachen für die Panikattacken zu erforschen, während du bestimmte Asanas in akuten Situationen anwenden kannst. Das muss nichts großartiges sein, aber wenn du es schaffst, deinen Brustkorb während einer Panikattacke wieder zu öffnen, bist du einen Schritt weiter, die Kontrolle zurück zu erlangen. Stelle dich in die Baumposition, die Füße fest mit dem Boden verbunden und hebe dein Brustbein. Deine Schulterblätter fallen locker nach hinten unten. Spüre kurz, wie weit sich dein Brustkorb öffnen lässt und dann umarme dich selbst. Greife mit den Armen um dich und gebe dir selbst das Gefühl der Geborgenheit. 

Lerne, die Wellen zu reiten und dich durch eine Panik zu atmen.

Erinnere dich die ganze Zeit daran, dass alles gut ist. Du bist in Sicherheit und dein Körper und Geist spielen nur jetzt gerade verrückt. Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest.

2 Antworten auf „Yoga gegen Panikattacken“

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