Finde deinen (Yoga)Weg – das Xperience Festival

Find your way, find your way
whether you fumble or stand graceful darlin‘
find your way

Vom Suchen und Finden des Weges

Es hat nun ein paar Tage gedauert, bis ich mich an den Beitrag über das Xperience Festival setzen konnte – oder wollte. Manche Dinge oder Ereignisse wollen erst sacken und wirken und so ganz habe ich noch nicht die richtigen Worte gefunden, um zu beschreiben, was in den fünf Tagen alles passiert ist. Aber etwas begleitet mich seitdem: Zeilen aus den Songtexten von Rising Appalachia. „Find your Way“ ist für mich ein passendes Gefühl zu dem Yogafestival.

Chakra Weg

Das Xperience Festival: worum ging es?

Die Organisatoren beschreiben das Festival als ein Event der Begegnung. Yoga, Musik, Tanz, Movement, Veganismus und Aktivismus bildeten den Rahmen, in dem man verschiedene Kurse, Workshops und Vorträge besuchen konnte. Mit dabei waren Stars, Sternchen und solche, die es gern sein wollen. Und solche, die bereits namenhafte Teacher aus der Yogaszene sind, aber so bodenständig leben, dass man während des veganen Caterings am zweiten Tag schon Umarmungen austauscht.

Es war ein Festival der Vielfalt: auf der einen Seite liebevoll, spirituell und harmonisch, auf der anderen Seite gab es sie auch hier, die Vergleiche und das störrische Gefühl, dass vielleicht etwas viel Einhornglitzer an manchen Ecken rieselt. Schon beim Betreten des Geländes bemerke ich bekannte Blicke, denen generell in der Yogaszene oft begegne: erstmal die Mala checken, die um den Hals des anderen hängt. Leggings oder Haremshose? Tattoos oder Klebebindi? PET-freie Plastikflasche oder Glasflasche für 34.99€, in der das Wasser energetisiert bleibt? Es dauert keine zwei Minuten, schon habe ich kurz das Gefühl, doch einen ganz normalen Alltag zu erleben. Es wird verglichen und begutachtet. Alle scheinen noch etwas unsicher auf den eigenen Füßen zu sein. Wer bin ich auf diesem Festival? Was ist mein Platz?

Liebe schenken – oder der schmale Grat, authentisch zu sein

Vielleicht lag es daran, dass auch ich erstmal ankommen musste. Doch die erste Stunde, die ich mit rund 300 anderen Gästen besucht habe, brachte mich auf den Boden der Tatsachen zurück. Denn die Yogaszene ist auch eine Marketing-Szene. Liebe und vor allem Selbstliebe werden quasi verkauft, verschenkt und mit einem Räucherstäbchen besiegelt. Dass Yoga mittlerweile viele Stile entwickelt hat, finde ich großartig. Es gibt mehr als nur dogmatisch unterrichteten Yogaunterricht, klassisch und gradlinig, sondern jede*r Lehrer*in bringt den ganz eigenen Stil mit in die Stunde. Wenn ich mich aber circa 20 Minuten ausschütteln soll, um mich zu lockern, kommt bei mir nicht das richtige Gefühl auf. „Iccchhhh lockere mich“… dabei fällt mir auf, dass man bitte keine Konsonanten langziehen soll. Am Ende der 90 Minuten fühle ich mich ein bisschen ich weiß nicht wie. Ich schaue mich um und merke, dass es nicht nur mir so geht –  aber viele sind ganz gerührt und umarmen sich. Bin ich altmodisch? Steh ich nicht auf „Liebe verschenken“ und sich mal richtig „abschütteln“? Was da los?

Xperience WildYoga Kopfstand

Xperience bedeutet „Erfahrung“

Es wäre nicht fair, das Yogafestival nun an diesem Erlebnis zu bemessen. Und auch völlig einseitig. Denn das Xperience steht für Vielfalt und Austausch. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Erfahrung“, „Erlebnis“, „Praxis“ und „Routine“. Also das, was Yoga beinhaltet. Die Erfahrung vom Selbst und von anderen, von dem, was in einem geschieht, wenn man sich ein wenig für neues öffnet. Doch damit dieses neue bei mir ankommt, ist es für mich immer wichtig, dass die Menschen authentisch sind. Dieses Wort wirkt schon abgegriffen, völlig verbraucht. „Authentisch“. Dann begegnet man Yogalehrern wie Petros Haffenrichter und plötzlich fällt einem wieder ein, was man mal damit verbunden hat, wenn man sagt, dass jemand authentisch sei. Petros Haffenrichter unterrichtet Jiva Mukti. Für mich sind die JivaMuktis ein bisschen wie die Rockstars in der Yogaszene. Unverfälscht und ungeschönt. In der ersten Yogastunde bei Petros fließt der Schweiß und ich habe mehr als einmal das Bedürfnis, aufzugeben. Raus aus dem Hüftöffner, denn meine Muskeln beginnen zu brennen. Es wird ungemütlich. In mir. Und ich merke, dass sich dabei das authentische öffnet: da ist kein Platz mehr für Glitzer oder lange Konsonanten. Es wird pur und erfahrbar. Dabei ist es zwar einerseits die körperliche Anstrengung, die mich herausfordert, aber es ist noch mehr. Petros sagt, dass Yoga mehr sei als „ein Yogaschleifchen auf den Kopf setzen und Räucherstäbchen anzünden“. Und während ich da atme und schwitze, mache ich eine Erfahrung von mir selbst, die neu ist. Ich ärgere mich nicht mehr über „verschenkte Liebe“ oder das Schütteln von der vorherigen Yogastunde, sondern bin im Moment und begreife mich ein Stückchen mehr.

Bine Qi Gong Jang Ho Kim

Qi Gong ist was für Alte…?

Das tolle an einem Yogafestival ist das große Angebot. Man hatte die Qual der Wahl: AcroYoga oder Qi Gong? Meine erste Wahl fiel auf AcroYoga. Wir waren zu zweit auf dem Festival und auch meine Begleitung hatte Lust auf AcroYoga. Trotzdem entschieden wir uns für Qi Gong, da ich mir sicher war, es privat vermutlich niemals auszuprobieren. Und diese Entscheidung war bahnbrechend. Ich dachte vorher immer, dass Qi Gong etwas für Alte sei, die sich nicht mehr richtig bewegen können. Jang-Ho Kim leitete den Workshop und während ich da so floss und das Qi gleiten ließ, passierte es wieder: der Moment war ganz da, ich fühlte mich richtig und genoß die Langsamkeit in den Bewegungen. Eye-opening! Sich zu trauen, einfach mal die eigene Energie zu spüren, ohne viel Geschwurbel drumherum und ohne viel Esoterik. Stattdessen mit einer Priese Humor. Jang-Ho Kim slamt durch die Stunde, manche müssen vor Rührung weinen, andere lachen. Jeder sieht tänzerisch aus und ich mag es, wenn Menschen vergessen, wie sie sich bewegen sollten und neues ausprobieren. Es fließen lassen. In mir selbst spüre ich eine Ruhe, ein bisschen wie Ankommen. Aus der Stunde nehme ich vor allem ein bisschen mehr von mir mit. Ein weiterer Wegweiser Richtung „meinen Weg„.

Der Marktplatz: ein Ort der Begegnung

Wie in jeder Stadt gibt es auch auf dem Xperience Yogafestival einen Marktplatz. Besser gesagt: eine Marktwiese mit Apfelbäumen. Wir verbringen jeden Tag unsere Pausen hier, schnacken mit Standbesitzer*innen und sprechen darüber, was Spiritualität bedeutet, ob wir Religion brauchen oder nicht und dass wir an unserem Lieblingsstand wie jeden Tag die Kleiderstange mit dem Schild „Sale“durchschauen wollen. Es stellt sich eine Vertrautheit ein, ein Mikrokosmos. Ich persönlich steh extrem auf das kleine Zelt, in dem selbsthergestellte Öltinkturen angeboten werden. Der Verkäufer spielt mit einer Feder im Haar auf einer Flöte. Klingt klischeehaft? Ist es eigentlich gar nicht. Sondern sehr echt. Wie das Zelt mit dem Räucherwerk und den handgesammelten getrockneten Kräutern. Während ich das schreibe merke ich, dass ich es vermisse. Ich stelle mir vor, so würde der Wochenmarkt aussehen und überlege, wie ich „meinen Weg“ dorthin wohl finde. In dieses leicht verzauberte, trotzdem reale. Wo Menschen wie Lucie Beyer auf einen zukommen und man spontan doch ein wenig AcroYoga macht.

AcroYoga mit Lucie Beyer

Auf dem Marktplatz treffe ich außerdem endlich Daniela Singhal. Wir haben uns vorher schon einige Zeit virtuell ausgetauscht, es aber bis dahin noch nicht geschafft, uns zu treffen. Ein bisschen in Eile treffen wir sie mit Artemis. Sie werden gemeinsam einen Workshop zum Thema „Menstruation und der Mondzyklus“ geben. Ich ärgere mich, nicht genug Zeit zu haben, ein wenig zu schüchtern zu sein und ein bisschen was auch immer. Denn ich glaube, dass diese Frau sehr inspirierend ist und ich bin gern mit Menschen zusammen, die authentisch inspirierend sind. Außerdem interessiert mich das Thema. Ich nehme mir vor, sie mal zu besuchen. Eine Begegnung auf meinem Weg.

Musik zwischen Loopstation, Beatbox, Mantras und Folk

Die einen heizen mit Beats das Zelt auf, die wir noch später bis in unsere Pension hören werden. Die anderen überziehen eine Stunde, ein bisschen wie im Rausch – entweder im Rausch der Mantras, die sie gesungen haben oder im Rausch des Applauses.

Imponiert haben mir Rising Appalachia. Sie sind Musikerinnen und Aktivistinnen, sie waren bei den Protesten um Standing Rock dabei und reisen nachhaltig. Ihr Backstage-Catering ist ganz im Sinne von „slow music movement“ aus regionalen Angeboten hergestellt.

“It’s our effort to take the glitz and glam out of the music industry and bring performance back to its roots- that of public service. A service where musicians are not just part of fast-paced entertainment world, but instead influence the cultural shift as troubadours, activists, story tellers, and catalysts of justice.”

Spontan holen sie jemanden mit Flöte auf die Bühne. Sie jammen spontan zusammen. Er, der mit den Gesichtstattoos und die Schwestern mit ihrer Band.

Anwendbare Spiritualität

Es gibt die einen, die Konsonanten lang ziehen und die anderen, die dir einen knallharten Realitätscheck liefern. Ich persönlich mag das pure lieber. Bedingungslos. Denn das empfinde ich als Liebe. Ungeschönt und echt. Und aus dieser bedingungslosen Liebe entsteht dann auch der Wunsch, Dinge zu verbessern. Ich finde es toll, wenn sich Menschen auf den Weg machen und ihre Spiritualität entdecken. Schade finde ich es, wenn sie sich darin zurückziehen. Im schlimmsten Falle ein „Yogaschleifchen aufsetzen“ und Menschen in einem unterkühlten Zelt in Yogapositionen bringen, bei denen Fortgeschrittene ächzen. Es kommt bei mir nicht an, aber ich halte mich nicht für den Maßstab aller Dinge. Vielmehr glaube ich an Diversität. Und es gibt sicherlich genügend Menschen, die auf „juicy“ Posen stehen. Auf das leicht kitschige. Auf Zuckerguss eben. Ich steh auf Erde auf meinen Möhren. (Und das ist keine Metapher…) – vielleicht macht unser Weg eben auch das aus, was wir nicht wollen. Den Begegnungen, die wir flüchtig machen und weiterziehen. Und denen, die wir als Weggefährten wählen.

Deswegen glaube ich, dass „dein oder mein Weg“ bereits begonnen hat. Wir gehen ihn bereits und müssen uns lediglich immer wieder entscheiden, wie wir gehen wollen. Eine grobe Richtung ist dabei das Gefühl in uns: fühlt es sich richtig an? Fühlen wir uns wohl? Sind wir herausgefordert? Oder unterfordert? Das schwierigste mag dabei manchmal sein, auch für das einzustehen, was wir als gut und richtig empfinden und den nächsten Schritt zu machen. Für die Momente, in denen ich mich vielleicht gelähmt fühle, kenne ich jetzt auf jeden Fall ein wenig Qi Gong, um mich selbst wieder in den Fluss zu bringen.

 

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