Yoga und Minimalismus

Minimalismus – durch Yoga zum Wesentlichen

Wenn ich mir die Yogaszene so anschaue, kann man mittlerweile oftmals mehr von einer Marketingszene sprechen. Viele praktizieren Yoga, weil man hier unfassbar gut verkaufen kann. Sich und seine Produkte. Von Glasflaschen, die energetisiertes Wasser per Mandala auf high Vibes halten, über nahezu selbstreinigende Matten bis hin zu detox-vegan-glutenfree-sugarfree-allesfree-Yogasnacks für 4,99€ das Stück. Ich steh auf Energien, tolle Matten und Snacks (vegan, glutenfrei, zuckerfrei, wasauchimmer), aber warum ich lieber minimalistisch Yoga praktiziere und warum du es ausprobieren solltest, erfährst du in diesem Artikel.

Yoga auf dem Bettvorleger

Wenn ich sowas schreibe, fühle ich mich fast ein bisschen alt. Aber: damals habe ich noch Yoga auf dem Bettvorleger gemacht. Ich bin ein Mensch mit vielen Interessen. Deswegen habe ich auch schon vieles ausprobiert und manches davon beibehalten, anderes wieder aus meinem Leben gekickt. Wie zum Beispiel das Boxen. Es hat Spaß gemacht, ich steh auf hartes Zirkeltraining, aber so richtig wollte es mir nicht gelingen, jemandem eins auf die Mütze zu geben. Trotzdem hatte ich da schon einige Euros für das Equipment ausgegeben. Als ich dann also mit Yoga anfing, startete ich erstmal auf meinem Bettvorleger, anstatt viel Geld für eine Matte auszugeben, nahm einen Schal als Yogagurt und zwei dicke Bücher waren meine Yogablöcke. Das hatte etwas romantisches an sich. Und war zu dem Zeitpunkt auch völlig ausreichend. Ich richtete mir eine kleine Yogaecke ein, wo ich dann meinen Bettvorleger feierlich entrollte, ein Räucherstäbchen anzündete und per YouTube entspannende Musik anmachte. Durch dieses kleine Ritual wurde mein Bettvorleger die beste Yogamatte, die ich mir hätte vorstellen können und die Basis von meiner heutigen Yogapraxis.

Praktisch vs. Überflüssig

Es gibt in der Yogawelt natürlich praktisches Zubehör, das das Ausführen und Halten von Asanas vereinfachen und teilweise auch sicherer machen kann. Yogablöcke werden beispielsweise dazu benutzt, den Arm zu verlängern, so dass man den Rücken gerade halten und dennoch in Trikonasana, das Dreieck, kommen kann. Besonders zu Beginn der Yogapraxis neigt man dazu, sich zu übernehmen und ungesunde Haltungen einzunehmen. Yogablöcke können dabei echt hilfreich sein! Ich hatte damals einfach zwei dicke Bücher. Das war weniger praktisch, aber hat vorerst ausgereicht. Heute benutze ich Yogablöcke aus Kork. Sie sind griffig und minimalistisch und lenken mich nicht während meiner Praxis ab. Ein Yogagurt hat den gleichen Sinn, nur in anderen Asanas: man kann sich gerade halten, den Fuß in eine Schlaufe legen und so beispielsweise die Vorwärtsbeuge rückenschonend ausführen. Für mich reichte zunächst ein Schal aus. Mittlerweile benutze ich einen Gurt aus schlichtem Jute. Auch hier: absolut praktisch, ausreichend und nicht ablenkend. 

Es macht Spaß, neues auszuprobieren und verspielt an die Sache zu gehen. Ganz ehrlich, als ich das erste Mal einen richtigen Gurt und richtige Blöcke mit auf der Matte hatte, ging erstmal das große Experimentieren los. Wohin kann ich meine Beine ziehen, wie lange kann ich auf dem Klotz balancieren, wie fühlt sich ein Spagat auf zwei Blöcken an… Die Matte wurde zum Spielplatz, „bis einer weint“. Ich habe natürlich nicht geweint – mich nur vielleicht etwas übernommen.

Du bist nicht deine Items

„Du bist nicht dein Auto. Du bist nicht das Geld auf meinem Konto“, sagte Tyler Durden in „Fight Club“. Hätte Yoga damals schon seinen Boom gehabt, hätte er vermutlich auch gesagt: „Du bist nicht das Mandala auf deiner Matte. Du bist nicht die goldene Applikation auf deinem Yogagurt…“. 

Bei dem ganzen Überfluss an Möglichkeiten, hatte ich irgendwann das Gefühl, ich müsste dringend auch eine schnieke Matte haben. Mit irgendwas hippen. Gerade so, als wäre sonst meine Yogapraxis nichts wert. „Ist es überhaupt Yoga, wenn ich es nicht auf einer Yogamatte mache?“, kam mir in den Sinn und ich begab mich auf die Suche nach einer geeigneten Matte. Es dauerte tatsächlich Wochen, bis ich mich dazu entschlossen hatte, welche ich nicht haben will und völlig überfordert die Suche aufgegeben hatte. Um ehrlich zu sein fühlte ich mich richtig schlecht: ich hatte nicht viel Geld und somit fielen viele Matte raus. Also tat ich das einzig vernünftige und wünschte mir einfach eine zu Weihnachten. Keine konkrete Matte, sondern irgendeine. Schließlich hatte ich meine Grundausbildung auf dem Bettvorleger gemacht, da wäre jegliche Matte ein Fortschritt.

Aber das Gefühl, kein „vollwertiger Yogi“ zu sein, war bitter. Keine Leggings, keine Blöcke, kein nichts.  Ohne es zu wissen, wurde ich mit dem vierten Yama aus dem achtgliedrigen Pfad konfrontiert: Das Nichtanhaften und Bescheidenheit. Macht es denn einen Unterschied, ob ich nackend auf dem Bettvorleger Yoga mache oder in der Leggings für über 70 Euro auf der Matte, die beschaffen ist wie jede andere, aber ein teures Muster hat? Matte und Klamotten sind nur praktische Zusätze, die die Praxis erleichtern, aber nicht deinen Wert als Praktizierende*r bestimmen sollten. 

Reise mit leichtem Gepäck

Und plötzlich ist die Yogawelt sehr greifbar: wie oft versuchen wir in unserem Alltag, uns über unsere Käufe zu definieren? Darüber, was wir an Klamotten tragen, welches Auto wir fahren oder wie „hipp“ unser Schmuck ist? In der Yogaszene sind es gerne solche Items, die auf einmal darüber entscheiden, wie sehr man dazu gehört. Dabei ist das Reisen mit leichtem Gepäck viel angenehmer. Schließe einmal die Augen und stell dir vor, dass deine Yogapraxis nicht durch deine Matte oder deine Mala definiert werden würde. Stell dir vor, du bräuchtest den ganzen Krempel, den du online bestellt hast, gar nicht, sondern könntest mit leichtem Gepäck reisen. Denn letztlich ist es genau das: das Leben ist eine Reise, Yoga ist eine Reise und am Ende, wenn wir in Savasana liegen (im Yoga wie im Leben), kannst du deine Blöcke und Flaschen und was nicht alles nicht mitnehmen. Du hast es vielleicht auf dem Weg mit dir rumgeschleppt, aber glücklicher bist du dadurch nicht geworden.

Es spricht absolut nichts dagegen, sich auch mal das neuste Design zu gönnen. Ich steh mittlerweile auch einfach auf gute und faire Verarbeitung, so dass mich eine rutschfeste Matte während meiner Yogapraxis glücklich macht. Es ist schön, wenn man spürt, wie manche Asanas einfach besser klappen, wenn das Equipment stimmt. Aber das geht auch völlig ohne Einhornglitzer und Schnickschnack. So wie es sich auf einer neuen Matratze im Bett besser schlafen lässt, unabhängig davon, welches Muster sie hat.

Anstatt dich also zu stressen und unnötig viel Geld auszugeben, entspann dich! It´s Yoga! Yoga darf minimalistisch sein. Wenn man den ganzen Klimbim weglässt, wird Yoga pur und ehrlich. Da gibt es keinen Krams, hinter dem ich mich verstecken könnte. 

Minimalismus und die Klarheit

Wenn ich dann nicht mehr ablenkt bin, wird mein Geist plötzlich klar. Da ist kein fancy Getue oder Glitzer, der mich vielleicht ein bisschen mehr „eso“ aussehen lässt, sondern nur ich, mit meinem Körper, meinem Geist und meiner Seele und der Blick dafür, was ist. Wenn ich dieses „was ist“ anschaue, dann werden auch Challenges überflüssig. Das Vergleichen, wer das schönere Equipment hat, kann langsam ausfaden – das „was ist“, ist völlig unabhängig von anderen. Es braucht kein Bewerten, sondern ein stilles Beobachten. Ganz minimalistisch also. 

Das gleiche passiert auf Reisen oder in unserer Wohnung: der Blick wird klar, unser Rucksack ist leichter. Wir können uns auf die schöne Aussicht konzentrieren anstatt darauf, was wir heute Abend anziehen – weil wir gar nicht so viele Auswahlmöglichkeiten haben. 

Und mit diesem Abschälen von äußerem Materialismus kommen wir uns endlich selber näher. Wer begegnet mir, wenn ich das Gedöns weglasse, mit dem ich mich selber zuschütte? 

Sammle, aber Erfahrungen

Nach wenigen Monaten der Yogapraxis haben viele von uns einen eigenen Yogashop zuhause. Matten, Klamotten, Bücher, Plakate, Gurte… so weit das Auge reicht. Wir Menschen sind dazu veranlagt, zu sammeln und wir versuchen, uns zu bereichern. Doch das einzige, was wir wirklich sammeln können, sind Erfahrungen. Sowohl äußere als innere. Es sind die Erinnerungen und die Momente, die uns wirklich reich machen – das klingt jetzt sehr nach Kalenderspruch, aber im Yoga heißt es, dass es nicht darauf ankommt, möglichst schnell eine neue Pose zu lernen, sondern darauf, was auf dem Weg dorthin passiert. Die Erfahrungen, die du auf diesem Weg machst, sind entscheidend. 

Eine Antwort auf „Yoga und Minimalismus“

  1. Liebe Judith, ich bin in Facebook auf dich aufmerksam geworden und da hatte ich dir bereits versprochen, dass ich deinen Blog besuchen werde – und ich bin begeistert von deinen Beiträgen – schön, wie du über bestimmte Themen schreibst!
    Minimalismus, du sprichst mir wieder aus der Seele. Mit den vielen Anschaffungen macht man sich zudem nur abhängig – da sind sie, unsere leidlichen Anhaftungen. Und eigentlich ist nur eins wichtig, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Ein klein wenig erinnert mich das auch an die Schul-/Studienzeit. Da musste auch immer alles stimmig sein. Wehe wenn nicht und man machte nicht das, was der Mainstream toll fand. Die Gefahr zum Außenseiter zu mutieren und ungeliebt zu sein, die minimierte man, indem man den gleich Mist trug und machte, wie alle anderen auch. Der ewige Kampf nach Anerkennung… im Berufsleben übrigens auch nicht anders.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.