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Sorry, not sorry! Die direkte Art, Nein zu sagen für ein stressfreies Leben

„Entschuldigung, darf ich mal…“, „Entschuldigung, könnten Sie…“, „Entschuldigung, dass ich…“ und „Entschuldigung, dass ich nicht…“.
Sag, wie oft am Tag entschuldigst du dich? Besonders Frauen* und weiblich sozialisierte Menschen entschuldigen sich mehrfach am Tag – selbst dann, wenn es wirklich keinen Grund dafür gibt. Warum ist das so? Und was ist die Alternative?

Es ist noch gar nicht so lang her, da hab ich mich 24/7 entschuldigt. Für ungefähr alles. Selbst dafür, dass ich mich so viel entschuldigt habe. Es war wie ein Drang. Ganz ähnlich wie ein JA-Schluckauf purzelte mir das „Entschuldigung“ über die Lippen. Meine Heilung? Konsequentes nicht-entschuldigen und ein dicker roter Bus. Dazu erzähle ich dir später mehr. Du bekommst am Ende des Artikels auch eine kleine Wochenaufgabe, die dir helfen wird, dich weniger zu entschuldigen 😉

Beschwichtigung und Schuld

Warum entschuldigen wir uns ursprünglich? Eine Entschuldigung ist dazu da, dass wir, wenn wir einen Fehler gemacht haben, unsere Einsicht zeigen und dann unser Verhalten ändern. Die Schuld wir anerkannt und gelöst.

Eine Entschuldigung kann aber auch Sicherheit, bzw. Beschwichtigung sein. Noch bevor der andere Mensch wütend wird, senden wir Signale „Ich bin keine Bedrohung, ich möchte dich nicht verärgern, dir dein Recht absprechen, dich kränken.“ und hoffen bewusst oder unbewusst, dass die andere Person freundlich reagiert.

Als Frau* sind wir es gewohnt, lieber vorab zu beschwichtigen, als dass wir hinterher deeskalieren. Männlich sozialisierte Menschen haben meist gelernt, dass es ihnen zusteht, Raum einzunehmen, das Fenster in der Bahn zu öffnen, wenn ihnen warm ist, durch den Gang zu gehen, auch wenn er voll ist, zu drängeln, wenn jemand zu langsam ist, zu erinnern, wenn jemand was vergessen hat, nach etwas zu fragen, zu fordern, zu bitten, ihren Platz auf der Straße einzunehmen.

Beschwichtigung ist also einer der Gründe, warum sich Frauen* zu oft entschuldigen. Ein anderer Grund ist das Grenzen setzen, Nein sagen und damit verbundene Schuldgefühle.

In meinen Sessions mit Coachees höre ich oft den Satz „Ich möchte nicht hart wirken“ oder „Ich weiß nicht, ob mir das zusteht“. Dabei geht es meistens darum, Freiräume für sich zu schaffen. Um zum Beispiel zu genesen, wenn man krank oder verletzt war, um auszuruhen, bevor man ausgebrannt ist oder auch schon nachdem man völlig erschöpft ist. Es geht um Freiräume, in denen es erlaubt ist, den eigenen Bedürfnisse nachzugehen. Oftmals ist das vorherrschende Gefühl, das viele Frauen* daran hindert, Schuld. 

Es ist also naheliegend, dass sie versuchen, diese Schuld auszugleichen, zu sühnen, zu büßen und wieder gut zu machen. Aber woran genau sollen sie denn Schuld sein?

Das Rollenbild der 6oer

„Entschuldigung, dass ich nicht unsichtbar bin und so funktioniere, wie es gewollt ist“ – das mag erstmal sehr hart und reduziert klingen, ist aber die patriarchale Ansicht, die sich aus den 50er und 60er oftmals noch hartnäckig hält. 

Das „Entschuldigung“ ist zu einem Satzanfang geworden, der viele andere Worte ersetzt.

Anstatt „Hallo, ich möchte da einmal vorbei.“ ist es ein „Entschuldigung, dürfte ich da einmal vorbei?“ geworden.
Beobachte gern einmal deine eigene Kommunikation: wie oft entschuldigst du dich aus Gewohnheit?

Dabei geht es nicht darum, respektlos zu sein. Wir können durchaus respektvoll miteinander umgehen, ohne uns ständig zu entschuldigen. Es ist sehr heilsam, ganz bewusst den Raum einzunehmen, den man sonst entschuldigend frei gemacht hat.

Mit dem Bus in die Freiheit

Bis letzten Jahr bin ich einen roten Ford Nugget gefahren. Mit Bullenfänger vorne dran. Das ist eine gebogene Eisenstange, die ziemlich impressive aussieht. Der Bus und ich waren a) sehr sichtbar und haben b) Platz eingenommen. Anstatt zu versuchen, möglichst unauffällig zu sein, habe ich selbstbewusst meinen Platz auf der Straße eingenommen. Zum einen weil ich wusste, dass mir im Fall der Fälle in diesem Wohnzimmer mit Metallwänden wenig passieren wird und zum anderen, weil ich definitiv stärker war – mit dem Bullenfänger und locker einen halben Meter über dem Geschehen sitzend. Ich habe die Breite der Straße ausgenutzt und im Zweifel darauf vertraut, dass Jochen mit seinem geleasten SUV ausweichen wird, habe mir Zeit gelassen beim Einparken und ganz gemütlich bei der Ampel beschleunigt. Der Bus war knapp 30 Jahre alt, was anderes blieb mir nicht übrig. Also lernte ich Gelassenheit statt Entschuldigungen.

Diese Selbstsicherheit meinem eigenen Raum gegenüber habe ich mit in meinen Alltag genommen.

Anstatt „Sorry, darf ich mal…“ sage ich „Hallo, ich muss einmal vorbei, Dankeschön.“

Anstatt „Entschuldigung, ich bin krank.“ sage ich „Ich bin krank und verschiebe den Termin, danke für dein Verständnis.“

Dein Wochenimpuls

Ich möchte dich einladen, diese Woche einfach mal keine Entschuldigung auszusprechen. Trainiere deine Gehirnsynapsen und verknüpfe sie neu.

Hier sind ein paar mögliche Alternativen zum „Entschuldigung…“:

„Hallo, ich brauche…“

„Danke dir für dein Verständnis, …“

„Kannst du mir sagen, ob/dass/wie viel…“

„Ich sehe, dass Sie wütend sind. Ich möchte nicht, dass Sie so mit mir sprechen. Wenn Sie Ihre Stimme nicht regulieren können, sprechen wir später weiter.“

„Nein.“

„Das will ich nicht.“

„Können Sie mir helfen, bei…“

„Das ist ärgerlich, das verstehe ich.“

Schreib mir gern, wie es dir mit diesem Wochenimpuls geht! Ich freue mich über deinen Kommentar oder eine Email von dir an judith(ät)seewithyourbody.de

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